Human dignity is inviolable – Die WĂŒrde des Menschen ist unantastbar
By Bishop Dr Franz-Josef Overbeck, Catholic Military Bishop for the Federal Armed Forces
Disclaimer: This blog entry is republished with the friendly approval of the catholic military bishopric. It was published in https://kreuz-und-quer.de/2022/10/11/die-wuerde-des-menschen-ist-unantastbar/ where it is available in German language.
Der 24. Februar 2022 ist durch den ĂŒberfallartigen Einmarsch russischer Truppen in die Ukraine zu einem geschichtstrĂ€chtigen Datum geworden â nicht nur fĂŒr Europa, sondern fĂŒr die ganze Welt. Einige erwarteten nach der Annexion der Krim durch Russland einen solchen Schritt; zugleich hofften alle, dass diese Schreckensvision nicht Wirklichkeit wĂŒrde. Nun sind wir in dieser neuen RealitĂ€t angekommen. Sie wird geprĂ€gt durch den teuflischen Versuch, die StĂ€rke des Rechts durch das Recht des StĂ€rkeren zu ersetzen. Benutzt werden dazu nicht allein Waffen. Als Rechtfertigung dieses Krieges dient ein sehr einseitiges, ideologisch gefĂ€rbtes Bild der langen Geschichte Russlands. Je lĂ€nger dieser schreckliche Krieg andauert, desto deutlicher wird, dass es sich auch um einen Machtkonflikt zwischen einer autoritĂ€ren und einer freiheitlich-demokratischen Gesellschaftsordnung handelt.
Der Auftrag der Soldatinnen und Soldaten in der Bundeswehr ist es, Friedensdienst zu leisten und Wege zur Versöhnung zu ermöglichen. Sie haben ein Anrecht darauf, dafĂŒr bestmöglich ausgestattet zu sein. Die Dringlichkeit dieser Aufgabe ist in den letzten Monaten dieses Jahres wie durch ein Brennglas verschĂ€rft worden. Mit Blick auf die brutale Wirklichkeit des Krieges tritt die Tatsache ins öffentliche Bewusstsein, dass fundamentale Werte wie Selbstbestimmung, Freiheit und Gleichheit keine SelbstverstĂ€ndlichkeiten sind, sondern in einer wehrhaften Demokratie auch verteidigt werden mĂŒssen. Wir erleben, wie uns in Europa und in weiten Teilen der Welt auf einer sehr existentiellen Ebene das miteinander verbindet und eint, was fĂŒr unser Leben in Freiheit unabdingbar ist. âDie WĂŒrde des Menschen ist unantastbarâ â auf diesen Worten des Grundgesetzes, in denen auch der Kerngehalt des christlichen Menschenbildes zum Ausdruck kommt, grĂŒnden alle Prinzipien und Werte, die unsere Gesellschaft ausmachen. Das ist es, was unsere demokratische Ordnung schĂŒtzt â den zur Freiheit berufenen Menschen in seiner ganzen Verletzlichkeit.
Das unbedingte Festhalten an dieser Unantastbarkeit ist es, was unsere Gesellschaftsordnung fundamental von Autokratien unterscheidet. Die Einsicht, dass es in demokratischen Gesellschaften diese Unantastbarkeiten gibt, deren BegrĂŒndung und Herleitung â ob religiös oder sĂ€kular â unterschiedlich aussehen kann, die aber trotzdem fĂŒr alle verbindlich gelten, ist fĂŒr die Grundstruktur unserer westlichen Demokratien geradezu die GeschĂ€ftsgrundlage. Wir können PluralitĂ€t leben, ohne in die Beliebigkeit abzudriften, weil wir uns eben nicht an der NormativitĂ€t des faktisch Durchsetzbaren, am âRecht des StĂ€rkerenâ orientieren, sondern gemeinsam PlausibilitĂ€ten fĂŒr die Bedeutung der MenschenwĂŒrde herstellen können und wollen â gerade und insbesondere in Momenten ihrer GefĂ€hrdung. In liberalen Demokratien können wir gemeinsam fundamentale Werte verteidigen, von deren universeller und verbindlicher Geltung wir ĂŒberzeugt sind, ohne zwangslĂ€ufig ĂŒber die Fundamente dieser Werte in Weltanschauungen, Religionen und Traditionen in einen Konflikt geraten zu mĂŒssen.
So können auch christliche BegrĂŒndungsperspektiven im Diskurs stark gemacht werden, ohne die prophetisch-kritische Distanz zum Staat zu verlieren. Wir sehen gerade, wie extrem gefĂ€hrlich es ist, wenn ein nationalistisches Narrativ, in dem Staat und Kirche sich gegenseitig instrumentalisieren, das ideologisch hochaufgeladene Sendungsbewusstsein eines Autokraten wie Wladimir Putin nĂ€hrt. Religiöse Argumente werden genutzt, um ein autoritĂ€res und repressives politisches System zu stĂŒtzen und ein staatlich kontrolliertes Glaubens- und Moralsystem im Recht und in der Gesellschaft zu verankern.
Wir stehen an einem Scheideweg, an dem wir uns entschlossen fĂŒr die StĂ€rke des Rechts entscheiden mĂŒssen. Diese Entscheidung wird fĂŒr viele Menschen einen hohen Preis haben. Es wĂ€re falsch, das zu verschweigen. Wir mĂŒssen uns aber vor Augen halten, was denn die Alternative wĂ€re. Das Recht des StĂ€rkeren zu akzeptieren, wĂŒrde nĂ€mlich bedeuten, dass wir Unantastbarkeiten, und damit auch unser gesamtes VerstĂ€ndnis von WĂŒrde, Freiheit und Gerechtigkeit, infrage stellten. Wenn persönlich akute ExistenzĂ€ngste im Vordergrund stehen, mag es fĂŒr den einzelnen Menschen in der direkten Not sehr abstrakt klingen, an diesen âPrinzipienâ festzuhalten. Genau das ist wohl das perfide KalkĂŒl von Autokraten, die Menschen- und Freiheitsrechte fĂŒr Konstrukte halten, fĂŒr die ihre âwestlichen Erfinderâ im Krisenfall selbst nicht eintreten. Wir stehen als Gesellschaft, die in Freiheit lebt und weiterhin leben will, gemeinsam in der Pflicht, soziale HĂ€rten abzufedern und alle Instrumente institutionalisierter SolidaritĂ€t zu nutzen und zu stĂ€rken, die uns zur VerfĂŒgung stehen. Wir mĂŒssen dies gerade im Bewusstsein dessen tun, dass unmissverstĂ€ndlich sichtbar wird, wie sehr das uns tragende FreiheitsverstĂ€ndnis und die Menschenrechte, die auch das Ethos der Bundeswehr wesentlich prĂ€gen, in unseren Zeiten unter Druck stehen â von auĂen her durch Autokraten, die selbst vor einem Angriffskrieg nicht zurĂŒckschrecken â aber auch von innen her durch populistische Vereinfacher und Feinde der Demokratie.